Wenn Rebhuhn, dann Rebhuhn!

Interview mit Pfarrer Jodok Müller

Wer einmal in der Heiligen Messe in Lech war, weiß: Pfarrer Jodok Müller ist auch deshalb so beliebt, weil er keine Berührungsängste mit Reizthemen hat. Umso mehr haben wir uns auf das Interview gefreut – und wurden nicht enttäuscht.

L.L.

Gleich vorweg: Gibt’s für dich als Geistlichen ein Tabuthema?

​J.M.

Nein, weder ein menschliches noch ein geistliches. Ich erzähle natürlich nicht öffentlich meine ganzen Intimitäten, aber sonst gibt’s kein Thema, um das ich mich herumdrücke.

L.L.

Du wurdest vor einigen Jahren nach Lech am Arlberg berufen. Das große Los für einen Pfarrer?

​J.M.

Die Pfarre St. Nikolaus, die eben Zürs, Zug und Lech umfasst, hat schon ein bestimmtes Renommee. Ich wurde zum Glück rechtzeitig auf die freiwerdende Stelle aufmerksam und habe damals lange überlegt, Beratungen eingeholt und das Herkommen letztlich nicht bereut. Obwohl ich am Anfang gesagt habe: Ich bleibe nur für ein Schnupperjahr. Ein Tourismusort ist natürlich etwas Besonderes, man muss in beiden Welten leben, in der Nebensaison und in der Hochsaison. Es ist eine tolle Pfarre!

Pfarrer Jodok Müller
Pfarrer Jodok Müller

L.L.

Bist du ein Feinschmecker?

​J.M.

Ja, das bin ich, auch wenn es eine sehr teure Angelegenheit ist. Wichtig ist die Qualität, denn was man isst und trinkt, geht ins Zentrum unseres Körpers und damit auch unserer Seele. Wenn dann noch Künstler und Könner aus Essen etwas Schönes und Schmackhaftes kreieren und wenn man das genießen darf, dann wird das Leben so viel schöner. Ich erinnere an die alte christliche Tradition, die da heißt: „Wenn fasten, dann fasten. Und wenn Rebhuhn, dann Rebhuhn.“ Die Feste sind also Feste, und das muss man auf der Zunge spüren.

L.L.

Wie viel materiellen Luxus darf sich ein Pfarrer gönnen?

​J.M.

So viel, wie er verdient. Der offizielle Gehalt eines katholischen Pfarrers bewegt sich nicht in hohen Stellen. Ich gönne mir zum Beispiel ein Allradauto und habe eine wunderbare Dienstwohnung in Lech. CDs, Bücher, Konzerte, Kleidung und Skiausrüstung, das alles kann ich mir Gott sei Dank leisten. Ich bin äußerst zufrieden mit dem, was ich habe.

L.L.

Und wie viel Eigensinn? Stichwort Helmut Schüller.

Heilige Messe in Lech
Heilige Messe in Lech

J.M.

Ein bisschen Eigensinn braucht jeder Mensch. Sonst ist man ja fremdbestimmt. Ich finde es gar nicht so schlecht, dass es in der Kirche inzwischen auch Gruppierungen und Menschen gibt, die ihren eigenen Sinn ausleben. Nur möchte ich nicht starrsinnig werden, das ist eine negative Qualifikation. Die Pfarrerinitiative, die einfach sagt: „Wir als Pfarrer sehen die Dinge so“, die darf sein. Und ich würde den höheren Etagen in der Kirche dringend raten, das zu hören.

L.L.

Predigst du anders, wenn Touristen in der Messe sind?

J.M.

Statt im Dialekt zu reden, bemühe ich mich um ein deutsches oder sogar englisches Wort. Ich achte sehr auf das Auditorium: Wie sag ich’s denen? Wenn zum Beispiel Wintertouristen da sind und es war ein schöner Sonnentag, dann nehme ich natürlich diesen Background auf. Und wenn lauter Köche in der Kirche sitzen oder Verliebte am Valentinstag, dann beziehe ich mich in der Predigt auf deren jeweiliges Umfeld.

L.L.

Betest du im Winter auch schon mal für Schnee?

J.M.

Wir beten ganz offiziell am 11.11. eines jeden Jahres um eine gute Wintersaison, also um das richtige Wetter für den kommenden Winter. Heuer haben schon einige Leute gesagt, wir sollen doch noch einmal nach Bürstegg wallfahren, um den Schnee abzubestellen oder damit die Kälte nachlässt.

L.L.

Und im Sommer für gute Ehen? Lech ist eine beliebte Hochzeitskulisse ...

J.M.

Ja, ich bete um gute Ehen. Das ist eine ganz wichtige Angelegenheit für unser Leben, und gute Beziehungen transportieren so viel Glück in unseren Alltag. Es ist mir ein Anliegen, und darum bete ich wirklich, dass besonders jene Beziehungen gut funktionieren, die ihren Bund in Lech schließen.

L.L.

„Sie dürfen die Braut jetzt küssen.“ Wie oft hast du diesen Satz gesagt?

J.M.

Er kommt in der katholischen Hochzeitsliturgie eigentlich gar nicht vor, aber die Angehörigen wünschen sich diesen Satz. Die meisten küssen sich ohnehin von selbst nach dem Ja-Wort. Aber wenn es wer wünscht, sage ich halt „The groom may kiss the bride now.“ Der Hochzeitskuss ist etwas ganz Schönes und wir pflegen das Heiraten in Lech. Zusammen mit der Kirchenmusik und dem Büro edelweiss möchten wir den Leuten eine wunderschöne Hochzeitskulisse bieten.

L.L.

Wie bereitest du ein angehendes Ehepaar auf das Sakrament vor?

J.M.

Zuallererst kommt eine bürokratische Vorbereitung. Eine Hochzeit wird ja auch auf dem Papier geschlossen. Formulare und Dokumente müssen stimmen. Die Kirche ist sehr besorgt darum, dass es eine Einehe ist – man muss also nachweislich ledig sein. Im Trauungsprotokoll werden dann viele nüchterne Fragen über Rechte und Pflichten gestellt, damit es später keine bösen Überraschungen gibt. Wie sich dann das Leben entwickelt, bleibt trotzdem offen. Wir Menschen sind ja keine Steine, sondern lebendig und entwickeln uns. Als nächstes bereiten wir die Messe vor, mit Musik, Text, Kleidung und allem Drum und Dran.

L.L.

Was, wenn das Paar aus der Kirche ausgetreten ist?

J.M.

Sind beide ausgetreten, hat eine kirchliche Hochzeit natürlich keinen Sinn. Wenn einer getauft und in der Kirche ist, dann finden wir einen Weg. Da gibt es die sogenannte Dispens oder die sogenannten Hochzeiten mit einem ausgetreten Partner. Diese werden eigentlich genauso gefeiert wie die anderen Hochzeiten auch. Allerdings muss der ausgetretene Partner mit Unterschrift erklären, dass er nichts gegen ein religiöses Leben in der Ehe hat.

L.L.

Brautpaare, die sich in der alten Lecher Kirche das Ja-Wort geben, durchschreiten anschließend bejubelt und euphorisch den Friedhof. Eine Besonderheit oder eher eine Skurrilität?

J.M.

Die Kirche steht seit 600 Jahren so. Die allermeisten Brautleute sehen ja vorher beim Lokalaugenschein, dass rundherum der Friedhof liegt. Die einzige Möglichkeit, nicht durchgehen zu müssen, hieße einen Hubschrauber zu bestellen und durch den Turm abzuheben. Dies hat aber noch niemand verwirklicht. Das Symbol, dass alle Brautpaare durch die Verstorbenen hinaus in den Alltag gehen müssen, ist gar nicht so übel. Im Grunde ist der Friedhof ja auch ein Blumenmeer.

L.L.

Drehen wir zum Schluss den Spieß um: Die schwierigste Frage, die man dir je gestellt hat?

J.M.

Meistens sind es zwei, die an den Kern meiner Seele rühren. Warum hast du damals deine Freundin nicht geheiratet? Und: Warum bis du Priester geworden? Das kann man nicht so einfach beantworten wie die Frage: Warum ziehst du heute diese Krawatte an? Es gab ein Sammelsurium an Gründen und Motivationen, und der Weg hat mich bis jetzt glücklich gemacht.