Vom Paradies auf Augenhöhe

Interview mit Gerold Schneider

Gerold Schneider führt die Geschicke des Familienbetriebs Almhof Schneider in Lech und engagiert sich in der mit seiner Frau gegründeten Kulturinitiative „Allmeinde Commongrounds". Sein durchaus idealistisches Anliegen: Dialog, Reflexion und ästhetische Erfahrung zu vermitteln und das Gemeinwesen auch wirklich gemeinschaftlich zu gestalten. Ein hintergründiges Gespräch über Weitblick, äußerliche und innerliche Werte von Lech Zürs und natürlich Kunst.

L.L.

Gerold, du hast Philosophie, Kunst- und Architekturtheorie studiert, bist aber jetzt Hotelier. Ergänzen sich diese Leidenschaften oder stehen sich der abstrakte Denker und der Geschäftsmann manchmal im Weg?

G.S.

Ich mag diese Frage sehr, weil sie impliziert, dass das Leben keine Einbahnstraße ist. Und ich mache mir die Antwort leicht, indem ich ein Zitat der amerikanischen Essayistin und Schriftstellerin Siri Hustvedt verwende: „Je enger meine Perspektive ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass ich die vorgegebenen Codes einer Disziplin als unantastbare Wahrheiten akzeptiere. Zweifel ist der Motor für Gedanken. (…) Es bedeutet auch, dass, wie glücklich du auch unter den wenigen Bewohnern deiner jeweiligen Insel bist, diese kleine Insel nicht die ganze Welt ist."

Allmeinde Commongrounds
Allmeinde Commongrounds

L.L.

Gefällt dir aus Sicht der Architektur die Entwicklung von Lech Zürs?

G.S.

Man muss sich immer vor Augen halten, was die Rahmenbedingungen dieser Entwicklung waren und was es an Alternativen gibt. Natürlich kann man das Vorhandene immer nach unten und nach oben vergleichen. Von einer Streusiedlung mit einigen wenigen Häusern hat sich Lech ohne Vorbilder innerhalb einiger weniger Jahrzehnte zu Dimensionen einer Kleinstadt entwickelt, ohne einige wesentliche Charakteristika eines Dorfes zu verlieren. (Freilich schwankt Lech durch die Saisonalität zwischen zwei Extremen.)

Wir haben uns dabei freiwillig bis zu Grenzen der Überlebensfähigkeit der Betriebe selbst beschränkt wie keine vergleichbare Destination im Wintertourismus. Diese Selbstbeschränkung und die Zurückhaltung auch in der Form halte ich gerade im Vergleich zu anderen Orten für herausragende Qualitäten und ein großes Potenzial, das es jetzt – partizipativ und professionell – weiter zu entwickeln gilt.

Restaurant Almhof Schneider Lech
Restaurant Almhof Schneider Lech

L.L.

Worin liegen deiner Ansicht nach die wesentlichen Herausforderungen dieser architektonischen Entwicklung?

G.S.

Umfang und Struktur dieses Dorfes haben sich herausgebildet. Wir sind heute mehr denn je angehalten, städtebaulich, also in größeren Zusammenhängen zu denken, nicht in funktional und räumlich zusammenhanglosen Einzelobjekten; schon gar nicht in oberflächlichen Formalismen. Lech erlebt in diesem Zusammenhang gerade eine Jahrhundert-Chance, wie sie so vermutlich nicht so schnell wiederkommen wird. Es wird wieder des Miteinanders anstatt des Nebeneinanders bedürfen, um als Destination und Lebensraum bestehen zu können.

Wichtig ist diese Perspektive vor allem auf dem Hintergrund der Veränderungen, die sich abzeichnen: der Wohnraumknappheit (vor allem für die junge Generation), der anstehenden Investitionen in zukunftsweisende kommunale Infrastruktur, der latenten Synergien zwischen privaten und kommunalen Projekten und des begrüßenswerten Wunsches nach Diversifizierung gerade der jüngeren Generation, die Lech aus der stark ausgeprägten, fragilen Saisonalität befreien müsste.

L.L.

Viele Hotels und Restaurants schauen doch ziemlich ähnlich aus. Weil die Ästhetik oft der Funktion der Räume untergeordnet wird? Wegen der Scheu vor Innovationen und Originalität? Oder wollen es die Gäste einfach so?

G.S.

Das Problem der Ähnlichkeit wird möglicherweise überschätzt. In jenen Perioden, die wir für baukulturell wichtig halten, war sie kein Problem. Auch unsere traditionellen Bauernhäuser hier sehen sich alle ähnlich, ohne dass wir daran etwas auszusetzen hätten. Wir kommen an das Ende einer Periode, in der sich abzuheben von allen anderen, um Aufmerksamkeit zu erzeugen, oberste Priorität hatte. Was die Baukultur anbelangt, ist die Verständigung über einen Kanon sogar unabdingbar.

Wunderkammer - Almhof Schneider Lech
Wunderkammer - Almhof Schneider Lech

L.L.

Wodurch verschaffen Sie Ihren Gästen im Almhof Schneider das Gefühl, in einem einzigartigen Hotel zu wohnen?

G.S.

Der Almhof hat sich Schritt für Schritt aus dem alten Bauernhaus der Familie entwickelt, von dem heute allerdings nichts mehr übrig ist. Die gleiche Familie am gleichen Platz seit Mitte des 15. Jahrhunderts. Meine Mutter hat immer gesagt, sie führe den Almhof als großen Haushalt. Wir treffen Entscheidungen im Generationenzusammenhang, aber nach sehr persönlichen Vorstellungen, für die wir keine Konzernleitung befragen müssen. Dieser Typ von Hotel ist, zumindest in der Luxusbranche, am Verschwinden.

Gäste, die zu uns kommen, schätzen die Mischung. Sie selbst sind allerdings, durch ihre oft jahrzehntelange Treue zu unserem Haus, wesentlicher Bestandteil dieses Gefühls, wie auch unsere langjährigen Mitarbeiter. Die Atmosphäre eines Hotels sind zuerst seine Gäste und sein Service, nicht seine Hardware.

Almhof Schneider Lech
Almhof Schneider Lech

L.L.

Wie hat sich die zur Jahrtausendwende gegründete Kulturinitiative „Allmeinde Commongrounds" entwickelt? Haben sich Ihre Hoffnungen und Erwartungen erfüllt bzw. was wünschen Sie sich für die Zukunft?

G.S.

Die Allmeinde ist ein Platz, der den an ihr Interessierten immer wieder wunderbare Begegnungen und unvergessliche künstlerische Momente beschert hat. Intern trägt sie den Spitznamen „das Paradies". Sie berührt ganz unterschiedliche Menschen. In der Fachwelt hatte die Allmeinde eine unerwartet hohe Resonanz, zuletzt auch wegen ihres Namens, der Programm ist. Hier vor Ort habe ich das Gefühl, dass sie immer noch ein wenig exotisch ist.

Ich würde mir wünschen, dass wir noch mehr Zeit für sie aufbringen oder sie sogar kuratieren lassen könnten, aber wir haben manchmal das Gefühl, dass gerade diese Langsamkeit, Sorgfalt und Unaufgeregtheit in der durchkommerzialisierten Welt des Kunstbetriebes ihren Flair haben.

Slideshow Allmeinde Commongrounds Lech

L.L.

Ist die Kunst, die Sie zeigen und fördern, elitär? Anders gesagt: Glauben Sie, dass in jedem Menschen ein Feingeist steckt, der diese Art von zeitgenössischer Kunst zu schätzen weiß?

G.S.

Es gibt unterschiedliche Auffassungen von Kunst. Für mich persönlich waren immer nur wenige Arbeiten leitend. Ich glaube aber grundsätzlich: ja, wirkliche Kunst fordert uns und ist kein Konsumgut. Sie stellt einen Anspruch an uns und sie verändert uns – wie Rilke es gesehen hat. Sie gehört zu den größten Kulturleistungen, die unsere Gattung hervorgebracht hat und sie erfüllt unsere Existenz.

Wir verspüren ein tiefes Bedürfnis nach Schönheit, die nicht beliebig ist. Es wäre unser großer Wunsch, nach und nach jene Arbeiten zeigen zu können, von denen wir glauben, dass sie Bestand haben werden und die in einem Zusammenhang mit der Allmeinde stehen. Über die großen Werke gibt es wenig Dissens.

Antony Gormley's Horizon Field Lech 2012
Antony Gormley's Horizon Field Lech 2012

L.L.

Der britische Künstler Antony Gormley war mittlerweile zweimal in Lech zu sehen (Horizon Field 2010-2012, Zeichnungen und Skulpturen in der Allmeinde im Frühjahr 2014). Warum passen seine Arbeiten so gut hierher?

G.S.

Gormley ist sicher ein ganz Großer. Seine Arbeit ist unglaublich intelligent, so wie er selbst, und dennoch „reine Skulptur". Die Installation „Horizon Field" wurde international mit Lob überschüttet und es ist schade, dass es uns nicht gelungen ist, sie ein wenig länger zugänglich zu machen. Dieser Installation war im Innenraum nichts entgegenzusetzen, deswegen haben wir uns in der Allmeinde hauptsächlich auf die weniger bekannten, wunderbaren Zeichnungen konzentriert. Antony Gormley ist Lech auf eine berührende Weise verbunden.

Antony Gormley's Horizon Field Lech 2012

L.L.

Auf welche Ausstellungen in der Allmeinde dürfen wir uns diesen Winter freuen?

G.S.

Wir zeigen erneut Fotografie, diesmal Arbeiten von Axel Hütte. Für die, die seine Arbeiten kennen, wird es möglicherweise eine Überraschung sein, dass es nicht seine Berg-Bilder sein werden.

L.L.

Vom Kunstgenuss zum kulinarischen Genuss, der ja heute auch wie eine Kunst gefeiert wird. Wie siehst du diesen Zusammenhang?

G.S.

Ich denke, der Kunstbegriff wurde in den letzten Jahren etwas überstrapaziert. Wenn alles Kunst ist, dann ist nichts mehr Kunst, auch wenn Abgrenzungen immer schwierig sind. Warum können wir Essen nicht einfach Essen sein lassen? Warum sollte Essen etwas anderes sein und über sich hinaus weisen? Natürlich gibt es besonders aufwendig gemachtes Essen, aber der allgegenwärtige Wunsch, mit Essen „Kunstwerke" zu erschaffen und auf Ranglisten geführt zu werden, hat leider die alltägliche Qualität des Essens in unserer Branche eher verkümmern lassen – und die Erwartungen in Richtung Unterhaltung verschoben.

Wir denken eher, Essen sollte etwas Selbstverständliches haben. Daher haben wir persönlich zwischen diesen Dingen eine klare Trennlinie gezogen und es gibt, umgekehrt, mit Ausnahme der fix installierten Werke von Christian Thanhäuser und Paul Renner, auch keine Kunstausstellungen im Almhof.

Almhof Schneider Lech
Almhof Schneider Lech

L.L.

In der gesamten Region zeichnet sich ein steigendes Qualitätsbewusstsein ab, eine hochwertige Infrastruktur für hochwertige Urlaubserlebnisse scheint in Zukunft unabdingbar zu sein. Wie sieht Ihre Vision für die touristische Entwicklung von Lech Zürs aus?

G.S.

Qualitätsbewusstsein ist eines, Stimmigkeit das andere. Ich glaube aber, dass wir in diesem Zusammenhang nicht nur über Hardware reden sollten. Vielleicht wird es vor allem auch darum gehen, konsequent einen Weg zu verfolgen, der die sich wandelnden Ansprüche genau jener Menschen, die Lech aufgrund seiner bestehenden Qualitäten schätzen, ernst nimmt und sie mit den Ansprüchen und wachsenden Qualifikationen einer jüngeren Generation verbindet.

Das bedeutet neben Sport, Genuss, Gesundheit und Erholung sicher auch Wissen. Diversifizierung also und „Tourismus auf Augenhöhe", um ein weiterhin inniges Verhältnis zwischen Gästen, Gastgebern und Mitarbeitern gewährleisten zu können. Auf dieser Grundlage kann hohe Qualität, aber auch so etwas wie „Authentizität" entstehen, die nicht nur Herkunft, sondern auch Gegenwart und Zukunft meint.

Slideshow Almhof Schneider Lech