„Wir leben nicht hinterm Berg, sondern auf dem Berg“

Interview mit Benjamin Schofer und Patrick Krummenacher, Hotel Arlberg

Benjamin Schofer und Patrick Krummenacher | ©Christoph Schöch

Das Hotel Arlberg ist eines der Häuser, die das Erscheinungsbild von Lech nachhaltig geprägt haben. Das Traditionshotel begeistert nicht nur durch ungezwungenen Luxus, sondern auch mit einem einzigartigen Mix aus alpinem Stil und innovativen Ideen. Die Gastgeber Benjamin Schofer und Patrick Krummenacher sind das junge Gesicht des Hotel Arlberg und sorgen seit Winter 2017 mit ihrer herzlichen Art für strahlende Gäste. Im Interview spricht das Paar über die Familiengeschichte des Hauses, ihre Tourismusvisionen für Lech Zürs und wie man mit behutsamer Modernisierung den Weg Richtung Zukunft weist.

L.L. / Das Hotel Arlberg ist seit über 60 Jahren in Familienbesitz – jeder Raum erzählt seine eigene Geschichte. Herr Schofer, nun sind Sie mit Ihrem Mann Patrick, der ursprünglich aus der Schweiz stammt, hier zu Hause. Welche Geschichte möchten Sie zukünftig erzählen?

B.S. / Wir möchten die Geschichte nicht komplett neu schreiben. Wir erzählen eher die Fortsetzung, den nächsten Band. Auf unsere Art natürlich, aber auch mit dem Einfluss der vorherigen Generationen, denn man kann von ihnen sehr viel lernen. Uns ist es wichtig, ein offenes Haus zu sein, für Freunde, für Gäste und für die Lecher. Das war auch immer die Philosophie unserer Eltern und Großeltern, die wir fortsetzen wollen.

P.K. / Das Haus lebt nicht nur von unserer Geschichte, sondern vor allem von den Geschichten unserer Gäste. Wir setzen bei der ursprünglichen Vision der Großeltern an: 1955 war das Hotel noch als Kaffeehaus geplant und somit eine Begegnungsstätte für Einheimische und Gäste. Auch wenn das Haus schnell zum Gasthof und später zum Hotel wurde, ist die Idee dennoch geblieben – ein Treffpunkt für Generationen.

Johann und Helga Schneider © Christoph Schöch
Johann und Helga Schneider © Christoph Schöch

L.L. / Sie konnten beide zahlreiche Erfahrungen in der Hotellerie im In- und Ausland sammeln und arbeiteten gemeinsam im 25hours Hotel Wien. Wie wichtig ist es, auch beruflich den Horizont zu erweitern? Welche Einflüsse brachten Sie bereits an den Arlberg?

B.S. / Für mich war es essenziell, auch andere Hotelkonzepte kennenzulernen und dadurch eben den eigenen Horizont zu erweitern. Es ist enorm wichtig zu sehen, was es sonst noch alles gibt. Auch in unseren Urlauben achten wir auf diese Details. Es zieht uns aber auch raus aus den Hotels und hinein in die Natur. In Neuseeland werden beispielsweise Outdoorerlebnisse zu einem Happening gemacht. Man bezieht die Natur zwar mit ein, verletzt sie aber nicht. Mit den Einnahmen aus einem sorgfältig gestalteten Outdoorpark wird beispielsweise der natürliche Erhalt der Umgebung unterstützt, was sehr nachhaltig ist. Wir dürfen uns hier in Lech nicht darauf ausruhen, was wir haben. Neue Projekte bereichern die Region.

P.K. / Als Zugereister kann man Abläufe und Prozesse im Kontext sehen und hinterfragt auch mehr. Aber man sieht das Potenzial und die Stärken auch besser. Ich bin erst seit letztem Jahr hier und habe mich anfangs noch zurückgehalten. Doch im Bereich Kommunikation bringe ich mein Know-how, das ich in der Schweiz vertiefen konnte, immer mehr ein. Unsere Visual Identity sowie auch der Onlineauftritt inklusive einer neuen Webseite hatte für mich oberste Priorität – und sie wird bald gelauncht.

L.L. / In der Tiefgarage entdeckt man Oldtimer, die Trophäenhalle erinnert an die Jagdleidenschaft der Familie und auch in der hoteleigenen Boutique gibt es allerlei zu entdecken. Das Hotel Arlberg ist eine eigene kleine Welt. Was möchten Sie den Gästen bieten?

B.S. / Für viele ist es zwar eine eigene kleine Welt, aber auch eine kleine, heile Welt. Das sind auch oft Erinnerungen, Farben und Stoffe, die unsere treuen Stammgäste mit uns identifizieren. Veränderungen dürfen deshalb nur sehr behutsam vonstatten gehen. Bei den Zimmern ist es ein wenig anders. Natürlich muss ihr Stil dem Stil des Hauses entsprechen, dennoch ist hier eine größere Veränderung möglich, die aber trotzdem zeitlos bleiben muss. Gerade wenn es ums Bauen geht, sind wir über den Erfahrungsaustauch mit unseren Eltern sehr dankbar.

Besonders wichtig sind außerdem die vielen vertrauten Gesichter der Mitarbeiter, die für die Gäste ein Bezugspunkt sind – egal, ob sie zu Wolfgang an die Bar gehen oder zu Willi in die Stube. Das ist essenziell für uns.

P.K. / Was die Gäste an unserer Familie schätzt, ist die Authentizität. Die Geschichten leben von den Menschen, die eine ehrliche Leidenschaft zu den jeweiligen Hobbys und Berufungen pflegen. Wir lassen auch unsere eigenen Passionen einfließen, sei es gutes Essen, Interior & Design und Wellness. Hier dürfen sich Gäste auf neue Projekte freuen.

© Ydo Sol
© Ydo Sol

L.L. / Darf man schon etwas verraten?

B.S. / Gemeinsam mit Dornbracht und ihrem Produkt LifeSpa widmen wir uns dem Thema Wasser, das hier oben eine große Rolle spielt. Wir werden für den Gast noch mehr Möglichkeiten zur Entspannung schaffen. Das passiert auch durch neue Technologien, für die meine Eltern zum Glück empfänglich sind.

P.K. / Auch in unsere Zimmer werden wir fortlaufend investieren. Fast alle Doppelzimmer sind nun auf dem neuesten Stand, als nächstes sind die Junior Suiten an der Reihe. Wir überlegen uns auch Anpassungen der visuellen Identität im und um das Haus, die uns darin unterstützen, neue Berührungspunkte mit Gästen zu schaffen und Geschichten neu zu verpacken.

L.L. / Das Hotel Arlberg besinnt sich auf seine Tradition, Sie sind ein sehr modernes Paar und lassen sich von Ihren Reisen inspirieren. Wie schaffen Sie im Hotel einen gelungenen Spagat zwischen Vergangenheit und Zukunft? Welche Herausforderungen gilt es zu bewältigen?

B.S. / Umbauten und Erweiterungen sind extrem wichtig, sie müssen aber gut überlegt und gut geplant sein.

P.K. / Diesen Spagat zu finden, ist sicher eine unserer größten Herausforderungen. Für mich war es deshalb wichtig, erstmal mit den Gästen ins Gespräch zu kommen und herauszufinden, was sie bewegt und begeistert. Ein Spagat war beispielsweise die Erweiterung unserer Stube. Mit Altholz haben wir sie sanft erweitert und modernisiert, und zwar so, dass man eigentlich keinen Unterschied sieht. Die Ansprüche der Gäste werden nun mit einer neuen Lüftung und einer neuen Technik erfüllt, aber es bleibt gemütlich. Natürlich lassen wir uns von unseren Reisen inspirieren. Es ist auch wichtig, das Haus im internationalen Vergleich zu betrachten, doch wir möchten nicht modern sein, sondern unabhängig von Trends unseren eigenen Stil verfolgen.

©Ydo Sol
©Ydo Sol

L.L. / Patrick Krummenacher, welche Themen möchten Sie durch das Marketing ganz besonders in den Fokus rücken?

P.K. / Mir geht es vor allem darum, nicht nur die bereits bekannten Themen zu wiederholen. Jeder weiß heute, wie fantastisch der Winter bei uns ist, dafür haben die Generationen vor uns gesorgt. In den Fokus möchte ich deshalb den Sommer und Herbst rücken und die vielen Erholungsmöglichkeiten rund um den alpinen Bergsommer. Und natürlich müssen wir daran arbeiten, auch neue Gäste für uns zu gewinnen.

B.S. / Das macht natürlich nur Sinn, wenn auch der Ortskern das ganze Jahr über etwas zu bieten hat. Es wird immer wichtiger, Erlebnisse im Ort und nicht nur im Hotel zu bewerben. Es wäre ideal, wenn wir jedes Jahr zwischen acht und neun Monate geöffnet sein könnten – auch bezüglich der Mitarbeiter.

L.L. / Sie sind beide Tourismusprofis. Wie hat sich die Branche in Lech verändert?

B.S. / Der Standard im Ort hat sich toll entwickelt. Jeder Hotelier tut etwas für sein Haus, investiert und verbessert. Auch international sucht Lech seinesgleichen. Leider wird der Sommer meiner Meinung nach noch unterschätzt, obwohl es hier auch zu dieser Jahreszeit unfassbar schön sein kann. Diesbezüglich muss man zukünftig gemeinsam an einem Strang ziehen und Vertrauen schaffen.

P.K. / Heute wie damals ist der Winter das Zugpferd. Doch der Berg wird auch im Sommer immer stärker zum Anziehungspunkt. Ich würde mir wünschen, dass der Austausch noch intensiver stattfindet. Gerade unsere Generation, die in den Hotels mehr und mehr involviert ist, hat die Möglichkeit, die Geschichte zu beeinflussen.

The Schneider family ©Christoph Schöch
The Schneider family ©Christoph Schöch

L.L. / Was macht für Sie beide den Ort Lech zu einer ganz besonderen Destination?

B.S. / Natürlich die Szenerie mit den kleinen Häuschen, ihren Spitzdächern und Fassadenmalereien – das Ursprüngliche. Beim genaueren Hinschauen natürlich die Lecher selbst.

P.K. / Lech ist ein Bergdorf, das ein Bergdorf geblieben ist. Es gibt so viele Familienbetriebe hier, das ist in anderen Bergregionen leider schon längst eine Seltenheit.

L.L. / Das Hotelrestaurant, der Italiener La Fenice und natürlich die Stube – im Hotel Arlberg zelebriert das Küchenteam rund um Patrick Tober Kulinarik auf höchstem Niveau. Welches Konzept steckt hinter den Angeboten?

P.K. / Entscheidend ist sicher die Abwechslung, die besonders Gäste, die länger zu Besuch sind, zu schätzen wissen. So können wir alpine Genussküche in vielen verschiedenen Formen anbieten. In der Stube gibt es liebevoll-traditionelle Gerichte, die im La Fenice auf hochwertige, mediterrane Akzente treffen. Wir haben eine Küche, auf die man sich nach einem langen Tag in den Bergen freut und die man gerne mit Freunden und Familie teilt.

B.S. / Mit dem La Fenice wollten wir eine Küche anbieten, die es in Lech noch nicht gab. Wir lieben das italienische Essen und deshalb lag es einfach nahe. Patrick Tober ist seit 13 Jahren in unserem Haus und seit diesem Jahr Küchenchef. Mit ihm haben wir jemand gefunden, der eine richtige Passion für italienische Köstlichkeiten hat. Die Vielfalt, die Frische und die Produkte sind ihm sehr wichtig. Das ist nicht selbstverständlich und nicht kopierbar.

Die Halbpensionsküche ist ebenfalls auf hohem Niveau und sehr abwechslungsreich. Während der Saison wiederholt sich kein Menü.

©Alex Kaiser
©Alex Kaiser

L.L. / Heiße Liebe: Ihr Fondue hat Fans aus aller Welt. Was macht sie ganz besonders schmackhaft?

B.S. / Die Herkunft der Produkte spielt natürlich eine große Rolle und die liebevolle Präsentation des Fondues. Das Asia-Fondue, bei dem das Fleisch und das Gemüse mit einer Currypaste mariniert werden, gehört zu unseren Bestsellern. Das Auge isst mit!

P.K. / Bei Fondue denkt man vor allem an Chinoise oder Käse. Wir haben mittlerweile über zehn verschiedene Varianten. Man kennt das Gericht aus der Kindheit und entdeckt es bei uns neu. Dazu tragen viel frisches Gemüse, neue Suppen und das Ambiente der gemütlichen Stube mit ihren Persönlichkeiten bei. Das sind Personen wie Willi, die die Rezepte mitkreiert haben, ihren Job lieben und das Erlebnis authentisch machen.

L.L. / Haben Sie ein Lieblings-Fondue?

B.S. / Aktuell bin ich verrückt nach unserem Wiener Fondue. Eine neue Interpretation des Wiener Schnitzels.

P.K. / So toll die Auswahl auch ist, es geht nichts über ein Käsefondue. Als Schweizer kann ich einfach nicht anders.

Lobby © Ydo Sol
Lobby © Ydo Sol

L.L. / In der Arlberg Boutique Juwelen Stub’ werden Mode-, Deko- und Accessoireträume wahr. Schlägt auch Ihr Herz für die schönen Dinge?

B.S. / Die Boutique ist das Baby meiner Mutter. Von klein auf habe ich ihr über die Schulter geschaut und es war immer etwas Besonderes. Ich finde es faszinierend, dass so kleine Dinge bei anderen eine so große positive Emotion auslösen können.

L.L. / Das Arlberg Spa sorgt mit Schwimmbad, Fitnessstudio und Saunawelt für ein ganzheitliches Entspannungserlebnis. Wie entspannen Sie nach einem langen Tag selbst am liebsten?

P.K. / Manchmal schaffen wirs, auf den Berg zu kommen. Beim Skifahren oder Wandern kann man so richtig abschalten. Nach einem langen Arbeitstag sitzen wir aber auch gern auf dem Sofa und schauen zu zweit einen guten Film (lacht).

B.S. / Man muss auch den Mut haben, zu sagen, dass man auch mal nicht vor Ort ist. Das ist wichtig, weil unser Beruf ein sehr anspruchsvoller und zeitintensiver ist. Es ist wichtig, seine eigenen Freiräume zu schaffen, was ohne die tatkräftige Unterstützung unserer Eltern sicher nicht möglich wäre.

L.L. / Wenn Beziehung und Beruf aufeinandertreffen: Überwiegen die positiven Aspekte? Wie gehen Sie mit kleinen Konflikten um?

P.K. / Das zu tun, was man liebt – mit dem Menschen, den man am meisten schätzt, ist eigentlich das Größte. Wir zwei haben eine sehr große Vertrauensbasis, was die Zusammenarbeit ungemein erleichtert. Wir versuchen aber, das Berufliche und Private so gut wie möglich zu trennen, das klappt natürlich nicht immer. Wir sind beide sehr emotionale Menschen, was auch zu Diskussionen führen kann. Das Haus lebt aber eben auch von diesen Emotionen.

B.S. / Wir waren räumlich so lange getrennt, umso schöner ist es jetzt, zusammenzusein. Und gemeinsame Visionen und Ideen zu haben, die wir dann auch größtenteils umsetzen. Das funktioniert nur mit gegenseitigem Respekt. Konflikte gibt es natürlich. Wir ignorieren sie nicht und besprechen sie offen und ehrlich unter vier Augen – und suchen dann eine gemeinsame Lösung. Nur so können wir auch eine gemeinsame Geschichte schreiben.

Küchenchef Patrick Tober | ©Christoph Schöch
Küchenchef Patrick Tober | ©Christoph Schöch

L.L. / Sie sind seit letztem Jahr verheiratet und leben nun auch gemeinsam in Lech. Wie werden Sie als Paar im Ort wahrgenommen?

P.K. / Wahnsinnig positiv. Ich habe mich in Lech von Anfang an sehr wohlgefühlt, weil ich hier so offen aufgenommen wurde. Wir leben nicht hinterm Berg, sondern auf dem Berg.

B.S. / Wir sind wirklich mit offenem Herzen aufgenommen worden und das ist ein Geschenk, über das wir sehr dankbar sind. Und wir versuchen, dieses Gefühl auch wieder zurückzugeben.

P.K. / Als wir letztes Jahr geheiratet haben, hatten wir offenen Betrieb im Hotel und einige Urlauber haben mit uns mitgefeiert. Nun feiern sie mit uns unseren ersten Hochzeitstag. Wir geben uns so, wie wir sind. Wir zelebrieren unsere Liebe ganz offen und ich denke, so wie man in den Wald hineinruft, schallt es auch wieder hinaus.


Zimmer | ©Ydo Sol
Zimmer | ©Ydo Sol

Wordrap mit Benjamin Schofer & Patrick Krummenacher

Darauf achte ich bei anderen Hotels ganz besonders: B.S. / ausgebrannte Glühbirnen. P.K. / das Branding.

Unseren Urlaub verbringen wir am liebsten ...B.S. / zu zweit und in der Natur. P.K. / auf Achse durch ein fremdes Land und bei Gesprächen mit Einheimischen.

Fondue oder Frittata? B.S. / Fondue. P.K. / Fondue natürlich.

An Benjamin schätze ich,... dass er immer den Überblick behält.

Ohne Patrick... wäre ich nicht komplett.

Hier ist der Lecher Winter ganz besonders schön: B.S./ und P.K. / im Zuger Wald.

_________________________________________

Benjamin Schofer & Patrick Krummenacher

Benjamin Schofer leitet die Geschicke des Fünf-Sterne-Hotel Arlberg, das seit über 60 Jahren in Familienbesitz ist, als Direktor. Sein Mann Patrick Krummenacher, gebürtiger Schweizer, kümmert sich hingegen um das Marketing des Traditionshauses. Beide haben bereits in zahlreichen Hotels im In- und Ausland gearbeitet, unter anderem im Four Seasons Toronto und Los Angeles, im Alpina Gstaad sowie bei der Tschuggen Hotel Group und bringen nun ihre Erfahrungen mit nach Lech Zürs. Auch privat reist das Paar gerne und lässt sich von verschiedenen Ländern und Kulturen inspirieren.

Benjamin Schofer (links) und Patrick Krummenacher (rechts) | ©Christoph Schöch
Benjamin Schofer (links) und Patrick Krummenacher (rechts) | ©Christoph Schöch