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Ein Leben am Limit

Kitzbühel

Ein Leben am Limit

Interview mit Axel Naglich

Der Tiroler Extremsportler Axel Naglich testet bei Expeditionen und Challenges immer wieder seine Grenzen aus. In Kitzbühel wohnt und arbeitet er als Architekt. Mit LA LOUPE führt er ein emotionales Gespräch über Heimat, Sport, Tourismus und Architektur.

​L.L.

​L.L.

A.N.

Sie reisen viel. An welchen Orten geht Ihnen das Herz auf?

​L.L.

A.N.

A.N.

Hawaii oder Südafrika wären schon herrliche Destinationen für einen Zweitwohnsitz. Die Regionen um die Dolomiten finde ich sogar noch imposanter als den Raum Kitzbühel. Aber dafür ist in Kitz das ganze Jahr über was los. Der Ort lebt und kommt meinen Bedürfnissen im Großen und Ganzen am nächsten.

“Kitzbühel comes closest to meeting all my needs. So, why move?”

​L.L.

​L.L.

Welche Sportarten betreiben Sie in Kitzbühel am liebsten? Vermissen Sie etwas?

A.N.

A.N.

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Ich unternehme prinzipiell die Dinge, für die die Gegend rund um Kitzbühel prädestiniert ist. Absolute Priorität haben für mich ist das Skifahren und der Bergsport im Allgemeinen. Ein eigener Motorradring hätte natürlich auch seinen Reiz, denn die für mich interessanten Rennstrecken liegen alle über sechs Stunden Fahrt entfernt. Da mir aber meine Zeit zu schade ist, um sie im Auto zu verbringen, bin ich im Rahmen meiner Triathlon-Aktivitäten aufs Radfahren umgestiegen. Ganz egal, ob Rennrad, Mountainbike oder Downhill – Biken macht mir gleich viel Spaß wie der Motorsport. Übrigens: Trotz viel Sport ist ein gemütlicher Tag am Sofa, wenn es mir mal rein passt, auch kein Problem.

“In principle there’s not much of a difference if you’re building a house or planning an expedition.”
„Meinen Bedürfnissen kommt Kitzbühel einfach am nächsten. So, why move?“

​L.L.

​L.L.

A.N.

Stichwort Freeski in Kitzbühel. Was hebt den Ort von anderen seiner Klasse ab?

“It motivates me to see something and to think about what I could make out of it.”

A.N.

​L.L.

Die Freeski-Szene trifft sich weniger in Kitzbühel als zum Beispiel am Arlberg, in Fieberbrunn oder Chamonix. Auf manchen Routen, wie dem Klassiker bis Pass Thurn hinein, waren jahrelang nur sechs oder sieben Einheimische unterwegs. Dadurch, dass hier in diesem Bereich nicht so viel los ist, fährt man in Kitz auch noch drei Wochen nach dem ersten Schnee im Tiefschnee. Und das auch bei schlechten Witterungsbedingungen, da die Sichtverhältnisse im Wald viel besser sind als in baumfreien Zonen.

A.N.

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„Im Prinzip bleibt es dasselbe, ob du ein Häuschen baust oder eine Expedition vorbereitest.“

​L.L.

​L.L.

A.N.

An welchem Sportevent nahmen Sie zuletzt teil?

​L.L.

A.N.

A.N.

Gemeinsam mit dem Snowboarder Benjamin Karl, Andi Goldberger und Christoph Sumann habe ich das „Race Around Austria“ (Wird als das härteste Radrennen Europas beworben; Anm. d. Red.) bestritten. Wir haben uns im Winter angemeldet und vom Frühjahr bis zum Rennen im August intensiv trainiert. Leider haben wir es nicht ganz nach vorne geschafft, aber was soll´s. Benjamin wäre schon gern am Stockerl gestanden, mir war der Sieg nicht so wichtig. Es ging mir bei der Teilnahme hauptsächlich ums Ausprobieren und dabei sein und das war eine echte Gaudi.

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„Es motiviert mich, etwas zu sehen und mir zu überlegen, was ich daraus machen kann.“
“That depends on what you mean by professional? If you mean if I made a living doings sports then I was a pro for 15 years. If you mean focusing on only one thing, I never was.”

​L.L.

​L.L.

Haben Sie sich jemals professionell auf den Sport konzentriert?

A.N.

A.N.

​L.L.

Was bedeutet professionell? Wenn man darunter versteht, dass man vom Sport leben kann, dann war ich 15 Jahre lang Profi. Wenn es heißt, dass man sich ausschließlich auf den Sport konzentriert, dann war ich es nie. Ich habe erst mit 16 Jahren als Skirennläufer begonnen, weil ich in Kitzbühel als Vorläufer starten wollte. Mir fehlte der Racebackground in der Jugend. Über diese Schiene kam ich zu den 24h Abfahrtsrennen in den USA. Später war ich der erste österreichische Ski-Crosser und bin etwa 10 Jahre lang als Skicrosser und Freeskier weltweit Bewerbe gefahren ehe ich mich voll auf das Thema Erstbefahrungen gestürzt habe. Ich lebe den Sport auch heute noch, auf das ganze Drumherum verzichte ich gern.

A.N.

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“In Kitzbühel the people don’t think about what the guest might like, they think about whether or not they are happy with something, personally. Fundamentally work is there to help improve one’s own living situation.”

​L.L.

​L.L.

„STREIF – one hell of a ride“ zeigt Weltklasse-Athleten, die am wohl anspruchsvollsten Rennen des alpinen Skisports teilnehmen. Welche Message wollen Sie als Ideengeber mit dem Film vermitteln?

A.N.

A.N.

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Einerseits vermittelt der Film das extreme Risiko, dem sich bis zu 70 Rennläufer auf der Streif aussetzen. Das ist nicht Tennis oder Golf, was die Athleten hier machen ist sehr gefährlich. Die Sportler riskieren sehr, sehr viel. Andererseits wollen wir zeigen, dass das Rennen auf der Streif mit allem Drum und Dran viel mehr Aufwand ist, als der Laie vermutet. Mich persönlich verbindet sehr viel mit der Streif. Das ist mein Berg (behaupte ich zumindest). Ich bin mit dem jährlichen Hahnenkammrennen aufgewachsen, mein erstes großes Ziel als Skifahrer war, die Streif (den Umständen geschuldet eben nur als Vorläufer) rennmäßig zu befahren. So kam es, dass ich dort zwölf Jahre lang Vorläufer war. Der Skiclub hat mich später als Funktionär engagiert und heute bin ich Rennleiter von dem ganzen Spaß.

​L.L.

​L.L.

A.N.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Zeit als Vorläufer bei den Hahnenkamm-Rennen?

Alex Naglich’s Wordrap

A.N.

Wasting time is …

Ich bin von 1989 bis 2001 aktiv dabei gewesen. Unsere Clique war damals mitten in den Zwanzigern und lebte dieses gigantische Unverwundbarkeitsgefühl. Wir sind da oben gestanden und vor allem durch Unwissenheit ziemlich respektlos runter gedonnert. Ich habe damit dann aufgehört, weil mir dämmerte, dass das so nicht ewig gut gehen kann. Heute fahren die Athleten deutlich schneller als früher, aber die Pisten waren zu meiner aktiven Zeit herausfordernder und manchmal fast kriminell. Damals wurde die Piste noch manuell präpariert und im Anschluss mit dem Feuerwehrschlauch bewässert. Eine Windenpräparierung oder Kunstschnee gab es ja noch nicht, daher waren die Schläge besonders bei geringer Schneelage mörderisch.

Gambling at the stock market …

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Slope or off-piste?

„Was bedeutet professionell? Wenn man darunter versteht, dass man vom Sport leben kann, dann war ich 15 Jahre lang Profi. Wenn es heißt, dass man nichts anderes tut, dann war ich es nie.“

I can be petty when …

​L.L.

Heart or reason?

Es scheint, die Streif zu gewinnen, bedeutet mehr als ein Sieg in allen anderen Austragungsorten. Warum?

Axel Naglich

A.N.

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Ich würde sagen, dass jedes Jahr nur zwischen 10 und 15 Rennfahrer die Möglichkeit haben, zu gewinnen. Es wäre tatsächlich eine Jahrhunderterscheinung, wenn ein „Nobody“ als Schnellster im Ziel wäre. Es gibt nicht – wie bei so manch anderem Rennen – ab und an einen Zufallssieger, hier gewinnen nur die Besten. Da müssen nicht nur Fitness, Können und Equipment zusammen passen, sondern auch Routine, die Tagesform und vor allem die mentale Stärke. Du musst ein ordentliches Stück über deinen grünen Bereich gehen. Das ist natürlich schwierig. Viele legen ihren Fokus auf Olympische Spiele oder Weltmeisterschaften und wollen nicht zu viel riskieren. Oder sie sind schon älter, hätten zwar das Können, schaffen es aber kaum mehr 120% zu riskieren, was für einen Sieg in Kitzbühel von Nöten ist.

SOS Nepal

​L.L.

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Kitzbühel umgibt auch aus touristischer Sicht ein legendärer Mythos. Was macht den Erfolg der Gamsstadt bei internationalen Gästen aus?

A.N.

Ich habe gerade bei meiner Teilnahme am „Race Around Austria“ erlebt, dass andernorts die Meinung vorherrscht, in Kitz lebten nur Promis. Dabei wohnen hier zu 99,7% ganz normale Menschen wie du und ich. Die Topografie unserer Region ist genial: wenn man nichts vom Trubel mitbekommen möchte, entzieht man sich dem Ganzen ganz schnell, in dem man in die ruhigen Winkel der Region ausweicht. Für den touristischen Erfolg der Stadt habe ich eine eigene Theorie. Kitzbühel ist trotz seiner nur 8.500 Einwohner keine Kleinstadt in den Bergen ursprünglichen Stils. Man hat hier gelernt, entsprechend mit den internationalen Gästen umzugehen. Das Angebot wurde dementsprechend adaptiert. Man kann sagen, dass es die Kitzbüheler geschafft haben, einen gewissen Hype um ihren Ort zu kreieren.

In Kitzbühel denkt man nicht darüber nach, was dem Gast gefallen könnte, sondern überlegt, ob man selber mit dem einen oder anderen zufrieden ist. Die Arbeit ist ja im Grunde dazu da, um die eigene Lebenssituation zu verbessern.“

​L.L.

Worin besteht die Verbindung zwischen Ihren beiden Passionen Sport und Architektur?

A.N.

In erster Linie ist es für mich recht angenehm, dass ich zur Planung meiner Berg-Projekte eine Bürostruktur zur Verfügung habe. Egal, ob man ein Haus baut oder eine Expedition vorbereitet: bei beidem arbeitet man mit Problemen, Lösungsmöglichkeiten und Budgets. Man hat mit schwierigen und netten Leuten zu tun. Und beides verlangt einen langen Atem. Wir haben uns zum Beispiel fünf Jahre lang mit den Vorbereitungen zum Filmprojekt Mount St. Elias beschäftigt. Ich habe den fünfthöchsten Berg Nordamerikas als Erster vom Gipfel bis zum Meer befahren, woraus wir eine preisgekrönte Dokumentation produzierten. Es motiviert mich, etwas zu sehen und mir zu überlegen, was ich daraus machen kann.

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​L.L.

Was sagen Sie zur vorherrschenden Architektur im Raum Kitzbühel?

A.N.

Wir haben Berge und Natur. Das sollte sich neben einer gewissen grundsätzlich notwendigen Individualität auch in der Architektur wiederspiegeln. Wobei der klassische Kitzbüheler Stil sowieso viel näher am bayrischen Landhaus liegt. Meine persönliche Handschrift ist moderner. Ich glaube nicht an Architektur, die so tut als ob sie 300 Jahre alt wäre. Unser Büro zeigt sich verantwortlich für z. B. den Hillinger Store, den Rolex Store und einige Einfamilienhäuser in der Region. „Häuslbauen“ ist mitunter die größte Investition, die ein Mensch im Leben tätigt. Darum sehe ich meine Aufgabe als Architekt nicht darin, mich selber zu verwirklichen, sondern Projekte so zu planen, dass sich mein Kunde nach vierzig Jahren immer noch wohl in seinem Haus fühlt.

Alex Naglich im Wordrap

Zeitverschwendung ist …

mir ein Gräuel.

Zocken an der Börse ist …

mir zu riskant.

Piste oder Gelände?

Gelände.

Kleinlich werde ich bei …

Ungerechtigkeit.

​Herz oder Verstand?

Bei meinen Sportprojekten zählt nur der Verstand, das Herz ist in diesen Momenten ausgeschaltet.

Axel Naglich

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Der Ski-Alpinist und Architekt wird am 28. Februar 1968 geboren. Er lebt und arbeitet in Kitzbühel und gilt als begnadeter Skifahrer, Triathlet und Kletterer. Fünf Mal startet er beim „24 Hours of Aspen“-Skirennen – und gewinnt drei Mal.

Mehr als zehn Jahre mischt Naglich bei internationalen Ski-Cross-Bewerben mit und nimmt 1998 und 1999 beim Red Bull Snowthrill in Chamonix (F) teil. Naglich beendet die X-Games zwei Mal und die österreichische Variante des Ironmans drei Mal erfolgreich.

Weiters ist er als Athlet Hauptdarsteller, bzw. Initiator preisgekrönter Dokumentar-Filmprojekte wie „Mount Saint Elias“ (2009) oder „STREIF – one hell of a ride“ (2015). Axel Naglich gründet mit einer Gruppe von Alpinisten das Hilfsprojekt SOSnepal für die von Erdbeben heimgesuchten Regionen in Nepal.


Informationen: http://a2architektur.at, http://www.mountstelias.com, www.streif-film.at


SOS Nepal

Eine Gruppe von Alpinisten rund um Axel Naglich gründete die Initiative zur Soforthilfe im von Erdbeben erschütterten Nepal. Ziel ist es, ganz unbürokratisch möglichst vielen Menschen eine trockene Notunterkunft inklusive Kleidung und Schlafmöglichkeit zu schaffen. Es werden im großen Stil Zelte, Werkzeug, Schlafsäcke und Kleidung gesammelt und nach Nepal gebracht, wo Sherpas diese zu Fuß in die schwer erreichbaren Bergdörfer bringen und dafür fair entlohnt werden. Außerdem entsteht eine Lodge für Bergsportler, die eine angeschlossene Krankenstation, sowie eine Schule finanzieren soll. All diese Projekte kosten Geld. Jeder Euro zählt!

Informationen: www.sosnepal.at
Für Spenden: Sparkasse Schwaz
IBAN: AT08 2051 0000 0001 6261
BIC: SPSCAT22XXX
Empfänger: Step 0.1

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