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Mit Gefühl und Strategie
© Martin Gulbe

Garmisch-Partenkirchen

Mit Gefühl und Strategie

Interview mit Michael Gerber

Zum 1. April wurde Garmisch-Partenkirchen Tourismus aus der Verwaltung der Marktgemeinde herausgelöst und in die GaPa Tourismus GmbH überführt. Seit dem 1. Juni 2019 leitet Michael Gerber, der zuletzt in Bremerhaven tätig war, die GmbH als Geschäftsführer. Im Interview erzählt der Norddeutsche, wie er sich im Süden eingelebt hat, welche Herausforderungen die neue Position birgt und welche Rolle die Digitalisierung in einem traditionellen Umfeld spielt.

L.L./ Wann waren Sie zum ersten Mal in Garmisch-Partenkirchen und welche Erinnerungen sind Ihnen von der Begegnung im Gedächtnis geblieben?

M.G./ Tatsächlich bin ich zum ersten Mal im Rahmen meiner Vorstellungsgespräche nach Garmisch-Partenkirchen gereist. Mit dem Flieger von Bremen nach München und dann weiter mit der Regionalbahn. Als Norddeutscher ist mir natürlich direkt beim Blick aus dem Zugfenster das alpine Umfeld aufgefallen. Leider blieb an den Tagen der Vorstellungsgespräche keine Zeit, den Ort und seine Umgebung zu erkunden. Ich bin sehr bergaffin, war aber vorher eher in Österreich unterwegs - mit Sicherheit ein ungewöhnliches Bekenntnis für jemanden, der sich für diese Stelle beworben hat. Aber deshalb bin ich umso neugieriger und motivierter herauszufinden, was ich bisher verpasst habe.

L.L./ Zu welchem Zeitpunkt haben Sie das Besondere wahrgenommen?

M.G./ Im Prinzip seit ich hier wohne. Nachdem ich mich für Garmisch-Partenkirchen entschieden hatte und der Vertrag unterzeichnet war, bin ich umgezogen und habe den Ort besser kennengelernt. Allerdings zunächst eher Garmisch als Partenkirchen. Zum Einstand habe ich meine Mitarbeiter eingeladen und die erste Frage an mich war: „Wohnen Sie in Garmisch oder Partenkirchen?“ Die Frage ist sehr bezeichnend und die Antwort nicht nur für meine Mitarbeiter, sondern ganz allgemein von großer Bedeutung. Schließlich war der Zusammenschluss eine politische Entscheidung und die Unterschiede sind deutlich: Partenkirchen eher traditionell und Garmisch etwas „urbaner“. Meine Wohnung liegt genau an der Grenze, in Garmisch. Ich höre vom Balkon die Partnach rauschen und erreiche Partenkirchen in sieben Schritten – damit hoffe ich, beiden Ortsteilen gerecht zu werden. Mich persönlich scheint dieses Phänomen in meinem Lebenslauf schon immer zu begleiten, von zwei Landkreisen in Schleswig-Holstein über das Leben und die Arbeit in Bremen und Bremerhaven bis hin zu Garmisch-Partenkirchen. Ich finde, das Bild wird aber nur dann vollständig, wenn man beide Geschichten des Doppelortes kennt, dann versteht man auch die Duplizierungen, wie beispielsweise bei der Feuerwehr oder den Festwochen, die es sowohl für Garmisch als auch für Partenkirchen gibt.

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© Marc Hohenleitner

L.L./ Haben Sie schon einen Lieblingsplatz gefunden?

M.G./ Obwohl ich aus Norddeutschland komme, würde ich mich nicht als Küstenmenschen, sondern eher als Naturmenschen bezeichnen. Was ich unabhängig vom Ort allerdings liebe, ist im wahrsten Sinn des Wortes der Sprung ins kalte Wasser. Früher war es das Schwimmen in der Nordsee in den Wintermonaten. Hier bin ich als Erstes in den Eibsee eingetaucht. Mit Sicherheit ein Ort, den ich schätze. Dementsprechend passt der Leitspruch von Garmisch-Partenkirchen „Entdecke Deine wahre Natur.“ wohl auch ganz gut. Das Entdecken tue ich bevorzugt aktiv, für mich gehört zum schönen Blick aufs Tal unbedingt auch der Weg dorthin.

L.L./ Wie stehen Sie zum Skifahren?

M.G./ Die schwarzen Pisten überlasse ich lieber anderen, ich bin eher ein Skitourengänger, für mich eine schöne Art, sich auf und im Schnee zu bewegen. So habe ich das Skifahren gelernt. Der letzte Skiurlaub ist allerdings schon lange her. Bevor ich mich also im Kontext meiner Geschäftsführertätigkeit auf die Bretter stelle, werde ich heimlich im alten Hausrevier den Schwung auffrischen (lacht).

L.L./ Wie empfinden Sie die Gegensätze zwischen Nord- und Süddeutschland, wie anders – nicht nur geografisch – sind die Extreme wirklich?

M.G./ Ich habe zuletzt 23 Jahre in Bremerhaven verbracht, der Unterschied zu Garmisch-Partenkirchen ist in jeder Hinsicht signifikant. Es ist wie eine Reise in ein fremdes Land: Die Natur, die Gebäude, die Menschen, die Geräusche – die Routine in der Wahrnehmung wird von heute auf morgen unterbrochen. Mittlerweile habe ich mich schon mehr daran gewöhnt und kann viele Dinge bewusster aufnehmen, aber zum beruflichen Schritt kommt eben auch die Zäsur im Privatleben hinzu. Auf mich warten neue Aufgaben, die mit einer hohen Motivation einhergehen, ein neuer Ort, neue Menschen – ein langes Kapitel ist zu Ende gegangen, jetzt öffnet sich eine ganz andere Tür und damit unbekanntes Terrain. Endlich – und ich hoffe, dass ich das bald angehen kann – kann ich mir auch meinen langgehegten Wunsch erfüllen, Wildwasserkajak auszuprobieren. Da meine Frau allerdings aus beruflichen und gesellschaftlichen Gründen an den Norden gebunden ist, sind die Gegensätze von Nord und Süd weiterhin Teil meines Alltags. Die Balance finde ich aber in beiden Teilen Deutschlands in meiner Kreativstätte, der Küche. Hier kann ich die Erlebnisse und Eindrücke gut verarbeiten.

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© Marc Hohenleitner

L.L./ Haben Sie ein emotionales oder materielles Souvenir, oder vielleicht sogar ein Ritual, aus dem Norden mit nach Garmisch-Partenkirchen genommen?

M.G./ Die alte Heimat hängt in Form von norddeutschen Bildmotiven an den Wänden meiner Wohnung. Für mich ist Heimat allerdings weniger eine Frage des Ortes, sondern eher ein Gefühl. Gedanklich habe ich immer ein Bild mit einem Surfer, der auf der Welle reitet, dabei. Für die Haptik sorgt ein glattgeschliffener Stein, der allerdings auch hier von einem See kommen könnte – dieser Wasserstein gibt mir Kraft, Herausforderungen zu meistern.

L.L./ Worauf können sich die Bewohner und Gäste in Garmisch-Partenkirchen in Zukunft freuen?

M.G./ Ich bin nicht mit Ideen und Absichten nach Garmisch- Partenkirchen gekommen, die von heute auf morgen alles ändern. In den letzten zwei Jahrzehnten wurde erfolgreiche Arbeit geleistet, die Umwandlung in eine GmbH bedeutet allerdings, freier unterwegs sein zu können. Für mich ist der erste und wichtigste Schritt, zu verstehen, was und wie das Team arbeitet, wie Netzwerke funktionieren, welche Strukturen aufgrund der Projekte in den vergangenen Jahren bestehen. Aber um aus „Der Leopard“ von Tomasi di Lampedusa zu zitieren: „Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, dann ist es nötig, dass sich alles verändert.“ In diesem Sinne stellt sich die Frage, soll alles so bleiben, sind Veränderungen nötig und zeitgemäß? Dazu werde ich mit Leistungspartnern und Menschen im Ort sprechen um, auch anhand von Zahlen, zu beurteilen, welche Ziele angestrebt werden. Wie ist zum Beispiel die Wertschätzung bezüglich Tages- und Übernachtungsgästen? Wie viel Wachstum und welche Art von Wachstum sind wünschenswert? Neue Pläne bedeuten für mich, auch die Konsequenzen zu betrachten, ganz nach dem Motto: Wer A sagt, muss auch B sagen.

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© Peter Wieler

L.L./ Worauf legen Sie den Fokus?

M.G./ Bisher gab es 6-Jahrespläne. Für mich liegt der Fokus stärker auf der Erarbeitung einer Tourismusstrategie 2030, die den Weg für die nächsten zehn Jahre weisen soll. Allerdings beinhaltet diese Strategie operative 1- bis 3-Jahrespläne, die wir kurzfristiger reflektieren und umsetzen können. Inhaltlich stehen in Garmisch-Partenkirchen nicht nur die alpinen Erlebnisse im Sommer und Winter im Fokus. Wir wollen das Profil der Destination breiter aufstellen und neue Zielgruppen erreichen, beispielsweise hinsichtlich Kultur und Kulinarik. Zudem ist das Thema Digitalisierung ein wichtiger Punkt – die neue Homepage ist ein Anfang und eine gute Datenbank, aber nach meiner Vorstellung soll der Gast ortsbasierte, kontextbezogene Informationen erhalten. Die Grenzen zwischen realem und digitalem Leben lösen sich auf, wer vor einem Restaurant steht, soll auch gleich einen Tisch reservieren können. Anstelle „Mobile First“ lautet der Grundsatz „Mobile Only“. Das bedeutet natürlich nicht, dass die Gäste Garmisch-Partenkirchen nur noch mit dem Handy erkunden können, vielmehr soll das Angebot dem Konsumentenverhalten entsprechen. Natur und Detox schließen nicht automatisch das digitale Leben aus – das ist schließlich beim Selfie auf dem Berg ebenso präsent wie unten im Tal, wenn man im Hotel oder Restaurant einkehrt. Wir blicken auf zwei Facetten der Digitalisierung: Modernen Service für Menschen anzubieten sowie aus den Daten gemeinsam mit den Leistungspartnern wertvolle Informationen zu erhalten. Dadurch können wir lernen, verstehen und verbessern.

L.L./ Thema Lederhose…

M.G./ Selbst als norddeutsches Kind hatte ich mal eine Lederhose. Mit Sicherheit kein Original und gefühlt war es – und so wäre es auch heute noch – eine Verkleidung. Ich finde, eine Lederhose muss man sich verdienen, es soll eben keine Verkleidung sein. Bei der Kleiderwahl für die beiden Festwochen, die für echtes Brauchtum stehen, werde ich mich vom renommierten Trachten- und Modehaus Grasegger beraten lassen. Das Tragen einer Lederhose wird nicht von mir erwartet, aber ich bin mir sicher, dass das Team von Grasegger etwas Passendes finden wird. Schauen wir mal!

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© Christian Stadler

L.L./ Welche Projekte stehen als nächstes an?

M.G./ Mit den Themen Umbau Tourismusinformation, touristische Erschließung des Olympia Skistadions und der Zukunft des Kongresshauses Garmisch-Partenkirchen müssen wir uns zeitnah auseinandersetzen. Im ersten Jahr steht natürlich auch die Festlegung der Strategie an und in diesem Zusammenhang auch die Frage, ob wir diese alleine oder in Form eines Beteiligungsprozesses erarbeiten. Dann werden wir uns um die Digitalisierung kümmern. Ich habe das Gefühl, dass etwas passieren muss, dass sichtbare Ergebnisse gefragt sind und ich nicht an der Seitenanzahl des Konzepts gemessen werde, sondern daran, was tatsächlich umgesetzt wird. Dazu ist ganzheitliches Denken nötig, kein hektischer Aktionismus, sondern wohlüberlegte Entscheidungen mit all ihren Konsequenzen.


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