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Kulinarisch immer auf der Poleposition
© La Loupe / Skardarasy

Lech & Zürs

Kulinarisch immer auf der Poleposition

Interview mit Karl-Heinz Zimmermann

Karl-Heinz Zimmermann kennt sie alle: Bernie Ecclestone, Michael Schumacher oder Niki Lauda. Jahrelang hat der Lecher Gastronom als Formel-1-Caterer die schnellsten Autofahrer der Welt und deren Teams rund um den Globus mit kulinarischen Köstlichkeiten versorgt. Aber auch außerhalb des Rennzirkus verwöhnt er, als Betreiber des Alpenblicks im Ortsteil Zug, die Gaumen von Einheimischen und Gästen mit seiner ausgezeichneten österreichischen Küche. Nun ist er in den wohlverdienten Ruhestand getreten und will künftig im Winter sein Gasthaus weiterführen und im Sommer reisen sowie das Leben in Lech genießen.

L.L./ Wie kommt man als gelernter Gastronom und Betreiber eines Gasthofs zur Formel 1?

K.-H.Z./ Bevor mir das Angebot als Caterer für den Rennstall Lotus unterbreitet wurde und überhaupt bevor die Idee des Caterings in der Formel 1 Fuß fasste, standen den Rennfahrern und Teams selbstgemachte Brötchen als Verpflegung zur Verfügung. Den ersten Kontakt mit Leuten der Formel 1 hatte ich bereits 1978, da waren Größen wie Niki Lauda oder Walter Wolf bei meinem Bruder Egon zu Gast im Hotel. Beim Rennen in Monaco 1987 haben wir dann gleich mal selbstgebeizten Lachs mit Gänseleber und Kaviar als Verpflegung mitgebracht beziehungsweise vor Ort gemacht. Um zu zeigen, wie Catering aussehen kann. Schlussendlich habe ich Peter Warr vorgeschlagen, das Catering des Lotus-Teams zu übernehmen, was 1988 auch gemacht wurde. Vom Sandwich zum Gourmetmenü haben wir von da an gekocht und gecatert. Anfänglich skeptisch, ließ sich auch Bernie Ecclestone vom Geschmack überzeugen. So entstand nicht nur eine tolle Freundschaft, sondern auch eine langjährige geschäftliche Zusammenarbeit, die nicht nur spätere Aufträge für Toyota, Bridgestone, Mercedes und die Ecclestone-TV-Stationen umfasste. In der Formel 1 lernt man, sich exakt und gut vorzubereiten. Es ist extrem wichtig, dass alles passt.

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Georg Kastner, Johann Lafer, Sabine Lukan, Eckart Witzigmann, Karl-Heinz Zimmermann © Foto: Karl-Heinz Zimmermann

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Bernie Eccelstone, Johann Lafer & Karl-Heinz Zimmermann © Foto: Karl-Heinz Zimmermann
In der Formel 1 lernt man, sich exakt und gut vorzubereiten. Es ist extrem wichtig, dass alles passt.

L.L./ Man schwärmt ja oft von den guten alten Zeiten. Wie waren denn die alten Zeiten? Was war der Unterschied zu heute?

K.-H.Z./ Die waren definitiv von Kontakten geprägt. Man hatte untereinander viel mehr Kontakt und verbrachte auch Zeit zusammen. So hatten wir in der Formel 1 einen Wein- und Zigarrenclub gegründet. Nach jedem dritten oder vierten Rennen in Europa und einmal auch in Übersee trafen wir uns zu einem Weinabend mit etwa zwölf bis 15 Leuten. Die Gruppe war bunt gemischt, aber schon ausgesucht. Nur um einige Namen zu nennen: Da waren Eddie Baker, Patrick Head, Ross Brawn und Charlie Whiting – eine illustre Gesellschaft eben. Der Zigarrenclub mit Niki Lauda machte auch schon mal einen Ausflug nach Kuba, wo man sich drei Tage lang Plantagen und Zigarrenfirmen angeschaut hat. Eine tolle Reise ... Und dann fing es an, politisch zu werden. Auf einmal sollte man nicht mehr neben Team Gelb oder beispielsweise Rot sitzen, wenn man selber Blau oder Silber war. Im Laufe der Jahre wurden die meisten dann immer mehr zu Eigenbrötlern. Auch der verheerende Unfall von Michael trug zum Ende dieser geselligen Zeit bei. Wie der Schumacher noch Weltmeister geworden ist, hat man sich nach jedem Rennen im Motorhaus getroffen und bei einem schönen Wein und Zigarre zusammen gefeiert, gegessen und getrunken.

L.L./ Dein legendärer Kanonenschuss bei jedem Sieg von Schumacher. Wie kam es dazu?

K.-H.Z./ Ehrlich gesagt, weiß ich es gar nicht mehr. Wir haben die Kanone im Jahr, als Jacques Villeneuve Weltmeister wurde, das erste Mal mitgenommen. Sehr zum Missfallen von Bernie Ecclestone. Es hat sich dabei um eine große Kanone gehandelt, die von einem Maschinenbauer konzipiert und mit Konfetti gefüllt war. Mit Schwarzpulver krachte es dann so richtig. Ein Spaß für alle Beteiligten. Jeder wollte mal abfeuern. An sich eine schöne Sache, aber sehr umständlich, denn die Kanone wog mehr als 60 Kilogramm. Darum kam dann der Handstutzen zum Einsatz. Den Schumacher hat es immer vor den Kopf gestoßen, weil der Rückstoß so groß war.

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Man hatte untereinander viel mehr Kontakt und verbrachte auch Zeit zusammen.

L.L./ Was war dein schlimmstes Erlebnis auf der Rennstrecke und was war das schönste?

K.-H.Z./ Der Tod von Ayrton Senna, mit dem mich eine tiefe Freundschaft verband, war das Schlimmste. Es war ein Schock für alle. Dass beim Rennen in Imola gleich zwei schwere Unfälle gab, erst den von Roland Ratzenberger und eine Tag später dann jenen von Senna, war wirklich niederschmetternd. Wir waren in Brasilien bei der Beerdigung: An jenem Tag standen drei Millionen Leute an den Straßenrändern in Sao Paolo und klatschten, sangen und weinten. Es war eine ergreifende Szene. Danach hat jeder gesagt, eine Formel 1 ohne Senna ist keine mehr. Mit Michael Schumacher kam in Kanada der nächste Held und es ging weiter. Schönes gab es vieles. Ganz besonders waren die Feiern, als Schumacher Weltmeister geworden ist. Meistens in Japan haben wir mit dem letzten Rennen nochmals Gas gegeben. Hier war dann die ganze Familie dabei, alle Deutsch sprechenden Personen in der Formel 1 wie Mario Theissen von BMW und Norbert Haug von Mercedes. Aber auch fast alle Formel-1-Fahrer. Auf der Rennstrecke hat man sich zwar nichts geschenkt, sobald die Motoren aber ruhten, kam man zusammen und hat gemeinsam gefeiert.

L.L./ Von der Welt nach Lech: Wie hat der sich Stil von Lech, der Lifestyle sozusagen, verändert?

K.-H.Z./ In den 60er-Jahren gab es ein anderes Publikum hier. Es war die Nachkriegsgeneration, die schon viel mit aufgebaut hat. Fernreisen(de) gab es noch nicht viele. Lech war einer der Vorzeigeorte in Europa, neben einigen Schweizer und französischen Ortschaften. Die Leute hatten damals andere Vorstellungen vom Urlaub. Die haben zum Beispiel den Weihnachtsurlaub nach Lech spätestens von 20. Dezember bis 6. Januar gebucht und sind dann meisten nochmal 14 Tage im Februar oder März gekommen. Auch der Skitag war ganz anders organisiert. So war man Skilaufen bis zum Fünf-Uhr-Tee und hat dann mit den Skischuhen bis um 18 Uhr getanzt. Erst dann ging es zum Duschen heim und später ist man Essen gegangen und danach in die Bars. Kaum Fernsehen, Internet und Social Media genauso wenig wie Wellness. Diese Ablenkungen gab es nicht. Man hat Kontakte gesucht. Das war ein richtig soziales Leben. Man hat sich am Abend im Scotch Club getroffen und am Tag darauf beim Skifahren. Es wurden Freundschaften geschlossen. Ganz anders als heute. Heute sieht man doch die Jugendlichen nur noch am Telefon. In meinem Restaurant sehe ich das häufig: Eine Familie mit Kindern, die reden den ganzen Abend kein Wort miteinander. Aber auch die Eltern. Jeder spielt auf dem Handy. Vielleicht schreiben sie sich aber auch gegenseitig Nachrichten?! Das ist echt furchtbar – die digitale Demenz. Bevor sie „Guten Abend“ sagen, fragen sie, wie der Wlan-Code ist.

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Den Schumacher hat es immer vor den Kopf gestoßen, weil der Rückstoß so groß war.

L.L./ Wie ist das Alpenblick entstanden?

K.-H.Z./ Im Sommer 1978 ist mein Vater zu mir gekommen und hat gesagt: „Du, ich könnte das Alpenblick vom Otto Strolz kaufen. Was sagst du dazu?“ Darauf habe ich ihm nur geantwortet, dass er das unbedingt kaufen muss. Schließlich war und ist es immer noch einer der schönsten Plätze in Zug. So hatten wir im September beziehungsweise Oktober das Geld zusammen und dann haben wir angefangen, das renovierungsbedürftige Haus Instand zu setzen. Es war wirklich in einem fürchterlichen Zustand. Zu den ersten Gästen gehörten gleich sowohl der Lauda als auch der Rosberg und Nelson Piquet. Unser Ziel war es, eine gute Küche anzubieten; das ist das beste Aushängeschild gewesen.

L.L./ Was haben Sie von ihren ganzen Reisen nach Lech mitgenommen?

K.-H.Z./ Es erweitert den Horizont, wenn man mit eigenen Augen sieht, wie die Leute in Japan oder Brasilien leben. Oder wie es ist, wenn ein Taxifahrer dich mit einem Revolver am Kopf bedroht, um deine Brieftasche zu stehlen. Man bekommt ja hautnah mit, wie die Menschen in Indien bettelarm sind und wir hier in Saus und Braus leben. Wenn man das alles erlebt, relativiert man sehr viel.

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Karl-Heinz Zimmermann beim Formel Eins Catering © Karl-Heinz Zimmermann

Wordrap mit Karl-Heinz Zimmermann

Formel 1 oder Wintersport? Jetzt Wintersport.

Der Jugend von heute rate ich … Schau zu, dass du eine harte Lehre bekommst, die du durchziehst.

Hat es Momente gegeben, in denen sie alles hinschmeißen wollten? Ich habe gelernt, nie aufzugeben.

Mein Leben als Rennstrecke … wäre ähnlich der Strecke in Spa, mit viel Geschwindigkeit und doch etlichen scharfen Kurven.

Meine Top-Drei-Gerichte Kalbsleber, Tafelspitz und Stroganow.

Am liebsten esse ich … Ich bin recht genügsam. Ich hab gerne Innereien, ansonsten gerne ein Stück Fleisch.

L.L./ Was schätzen Sie an Lech?

K.-H.Z./ Als Erstes die Natur und die Umwelt. Man kann Wasser aus einem fließenden Bach trinken, so sauber ist es. Wo gibt es das schon?! Die Luft ist auch sensationell rein. Es stinkt nicht und es gibt keinen Müll der, achtlos weggeworfen wurde. Bei uns ist doch alles makellos. Zudem schätze ich den Zusammenhalt hier, auch wenn in Anführungszeichen gesetzt. Hat man nämlich seinen einen Freundeskreis, kann man gedanklich etwas eingeengt werden. Politisch gesehen gibt es hier verschiedene Strömungen, die aber alle harmlos sind. Wir sind eine Ortschaft, mit der man sein Geld verdienen kann. Hier kommen die Leute noch gerne hin. Darum verstehe ich es nicht, dass viele das nicht sehen. Natürlich muss es Fortschritt und Innovationen geben, aber vergleicht man sich mit ähnlichen Orten in Frankreich oder Italien, so sieht man, dass es das bei uns auch gibt.

Karl Heinz Zimmermann Formel Eins

Karl-Heinz Zimmermann beim Formel Eins Catering © Karl-Heinz Zimmermann
Meistens in Japan haben wir mit dem letzten Rennen nochmals Gas gegeben.

L.L./ Du warst in der ganzen Welt unterwegs, kennst viele Küchen und Gerichte. Warum hast du dich trotzdem für die regionale österreichische Küche entschieden?

K.-H.Z./ Ganz einfach, weil ich überall gewesen bin. Immer dort, wo ich war, habe ich versucht, lokale Gerichte zu essen. Warum soll ich im Alpenblick Fisch von der Südsee oder Lobster aus Tasmanien auf die Karte bringen, wenn es bei uns so viele gute Dinge gibt? William Mocatta, ein guter Freund von mir und ehemaliger Chef der Peninsula Gruppe, hat 18 Jahre lang mit seiner Familie in meinem Elternhaus im Bergfrieden gewohnt. Mit meiner Arbeit für die Formel 1 haben wir den Kontakt wieder aufgenommen und uns regelmäßig getroffen. Als dieser zu Besuch war, hat er bei Egon im Hotel (Bruder von Karl-Heinz Zimmermann, Hotel Kristberg) übernachtet. Am Ende habe ich ihn gefragt, wie der Aufenthalt war und er meinte kurz und knapp: „Alles perfekt, aber das Beste war das Bauernbuffet am Mittwochabend. Diese ganze Nouvelle Cuisine findet man überall auf der Welt. Wer jedoch zurück in die Heimat kommt, möchte österreichische Küche haben, wie man sie aus der Kindheit kennt.“ Recht hat er gehabt. Viele Gäste, die in Hotels in Lech wohnen, fragen nach etwas Bodenständigem, wie man es eben bei uns macht. Simpel aber gut!

L.L./ Was war das Experimentierfreudigste, das du im Ausland probiert hast?

K.-H.Z./ Das war in Mexiko, in einem Restaurant abseits des Trubels, das nicht viele Leute kannten. Ich hatte die Wirtin gebeten, uns etwas Landestypisches zu servieren und das bekamen wir dann auch. Es sah aus wie Engerlinge, waren aber Kaktusraupen. Auf einem anderen Teller waren Ameiseneier, die aussahen wie Gerstenkörner. Dazu gab es Tortillas mit Avocadocreme. Geschmacklich war es super, aber leider isst das Auge ja bekannterweise mit.

Karl Heinz Zimmermann Alpenblick

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Man hat sich am Abend im Scotch Club getroffen und am Tag darauf beim Skifahren.

L.L./ Wie ist heute deine Beziehung zur Formel 1 und Lech?

K.-H.Z./ Die Freundschaften zu Ross Brown und Bernie Ecclestone sind erhalten geblieben. Es gibt aber auch noch weitere, mit denen ich regelmäßig Kontakt habe, speziell vom Formula-One-Management. Lech ist Heimat. Hier genieße ich den Bach, der am Hotel vorbeifließt, und die Natur.

Aufgewachsen in Lech, brach Karl-Heinz Zimmermann im Sommer 1970 mit Ende seines Militärdienstes nach Australien auf, wo er im Wintersportgebiet als Barkeeper und in der lokalen Skischule gearbeitet hat. Zurück in Europa, frischte er seine Französischkenntnisse in Frankreich auf, bevor er die Hotelfachschule in Lausanne besuchte. Schließlich begann mit der Übernahme des Gasthofs Alpenblick in Zug 1978 auch seine jahrelange Catering-Verpflichtung für verschiedene Rennställe und den Formel-1-Holding-Chef Ecclestone. Heute lebt er in Zug (Ortsteil Lech am Arlberg), ist in Pension und führt nach wie vor den Gasthof Alpenblick im Winter.


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